Therapieoptionen in der klinischen Prüfung
Welche neuen Substanzen und welche weiteren Fragestellungen derzeit in klinischen Studien untersucht werden, erläuterte im Anschluss Professor Jan Roigas vom Vivantes Klinikum am Urban in Berlin.
Wer führt Studien durch?
Die höchste Aussagekraft haben große Studien, die ein neues Medikament gegen den bisherigen Standard prüfen. Sie werden in der Regel die Pharmaindustrie durchgeführt.
Aber auch klinisch tätige Ärzte engagieren sich in der Forschung. Die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) hat vor ca. vier Jahren die „Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Nierentumoren" IAG-N gegründet. In dieser Arbeitsgruppe arbeiten viele Nierenkrebs-Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten wie der Onkologie, Urologie, Pathologie, Grundlagenforschung, Chirurgie, Radiologie zusammen. Ziel ist es, die Kräfte und Aktivitäten der Mediziner zu konzentrieren und zu koordinieren, um klinische Studien, Projekte und Therapie-Leitlinien aufstellen und voranzutreiben.
Die IAG-N unterstützt einerseits die Studien der Pharmaindustrie, indem sie Patienten einschließt und so neue Substanzen, Kombinationen und Sequenzen von Substanzen prüft. Die Ergebnisse können zur Zulassung neuer Medikamente führen. Andererseits führt die IAG-N auch eigene kleine Studien zur Klärung von verschiedenen, spezifischen Fragestellungen durch, ggf. in Kooperation mit der Pharmaindustrie.
Neue Substanzen in der klinischen Prüfung
Axitinib - Studienname AG-013736 - ist ein oraler VEGF-Inhibitor der Firma Pfizer. In der internationalen Fachzeitschrift „The Lancet" wurden die Ergebnisse von Phase-II-Studien mit der Substanz bei Patienten mit metastasiertem Nierenzellkarzinom publiziert. Dabei wurden 52 Patienten untersucht, die vorher eine Zytokin-basierte Therapie erhalten hatten. Die Substanz zeigte eine hohe Ansprechrate: bei 44% der Patienten kam es zu einer Tumor-Rückbildung, bei weiteren 42% zur einer Stabilisierung der Erkrankung. Diese Daten müssen jedoch in weiteren Studien bestätigt werden. Nur dann kann die Zulassung eingereicht werden.
Ein weiterer Wirkstoff, der sich in Phase-II-Studien als interessant für die Behandlung des metastasierten Nierenzellkarzinoms erwiesen hat, ist Pazopanib von der Firma Glaxo Smith Kline. Der Multitarget-Tyrosinkinasehemmer wurde bei 60 Patienten untersucht, die vorher entweder keine Therapie oder eine Zytokin- oder Bevacizumab-basierte Behandlung erhalten hatten. Auch hier war die Ansprechrate mit 40% sehr hoch, ebenso wie die Krankheitsstabilisierungen mit weiteren 42%. Somit konnte bei über 80% das Wachstum der Metastasen gestoppt werden. Dies hat dazu geführt, dass von unabhängigen Behörden der Stopp des Placebo-Arms aus ethischen Gründen empfohlen wurde. Aber auch diese Ergebnisse müssen in weiteren Studien wiedergefunden werden.
Insbesondere in den letzten Wochen wurde der Wirkstoff Everolimus (Studienname RAD001) verstärkt diskutiert, denn eine Phase-III-Studie bei Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom in der Zweitlinientherapie wurde vorzeitig gestoppt. Es wäre laut einem unabhängigen Datenüberwachungskomitee ethisch nicht länger vertretbar gewesen, den Placebo-Patienten den Wirkstoff vorzuenthalten. Der orale mTOR-Inhibitor hemmt einen Seitenweg der Signalübertragung und hatte bereits in den ersten Studien der Phase I gute Ergebnisse gezeigt. Nach 12 Monaten Therapie wurde bei 25% der Patienten noch eine Stabilisierung erreicht. Insgesamt war das Medikament gut verträglich.
Wirkstoffkombinationen und neue Einsatzgebiete
Neben neuen Substanzen wird im Moment auch die Überlegung angestellt, ob die Kombination bereits zugelassener Medikamente einen Mehrwert für die Patienten bringen kann. So wird beispielsweise derzeit die Kombinationstherapie aus Temsirolimus und Bevacizumab untersucht. Erste Daten haben gezeigt, dass die parallele Gabe möglich ist, ohne die Dosierungen reduzieren zu müssen.
„Gerade bei Kombinationstherapien muss darauf geachtet werden, dass die Dosierung nicht so weit reduziert wird, dass die Wirksamkeit nachlässt. Trotzdem dürfen aber die Nebenwirkungen (Toxizität) nicht zu hoch werden", so Professor Roigas. Mit der Kombination aus Bevacizumab und Temsirolimus in der Erstlinientherapie erreichten acht von elf Patienten eine Remission, drei weitere eine Krankheitsstabilisierung. Wie bei den anderen neuen Therapieoptionen müssen auch hier weitere Untersuchungen folgen.
Darüber hinaus laufen international Hunderte verschiedene Studien und Untersuchungen. Professor Roigas stellte einige davon kurz vor:
So wird derzeit die Wirksamkeit von Medikamenten untersucht, die direkt nach der Operation zum Einsatz kommen, wenn der Tumor noch nicht fortgeschritten ist. Man spricht hier von einer adjuvanten Situation. Sunitinib wird im Rahmen einer Studie in dieser Situation untersucht. Diese Studie läuft auch in Deutschland.
Eine der großen Fragen ist - wenn man die Zulassungssituation der einzelnen Medikamente betrachtet - was nach einer Therapie mit Sunitinib kommt. Bisher ist zwar Sorafenib für die Zweitlinientherapie zugelassen, allerdings wurden die Studiendaten nach Behandlung mit einer Immuntherapie bzw. bei Nicht-Infragekommen einer Immuntherapie erhoben. Daher laufen momentan mehrere Studien, die verschiedene Optionen nach einer Sunitinib-Behandlung prüfen. So wird z.B. Temsirolimus mit Sorafenib nach Sunitinib verglichen, oder auch Everolimus versus Sorafenib nach Sunitinib.
Verschiedene Untersuchungen wurden in der Vergangenheit auch mit Impfstoffen gegen das Nierenzellkarzinom unternommen. Im Moment läuft eine Phase-II-Studie mit dem Impfstoff IMA901.
Ausführliche, englisch-sprachige Informationen können auch unter
http://www.clinicaltrials.gov/ct2/search abgerufen werden.
„Deshalb bündeln wir, die Ärzte, unsere Kräfte und organisieren uns in Fachgesellschaften und Arbeitskreisen", erklärte Professor Roigas. „Wir versuchen, Strukturen zu schaffen, in denen wir uns austauschen können und fördern sowohl grundwissenschaftliche Projekte als auch weitere wissenschaftliche Studien."
Vielen Dank an Professor Roigas für sein Engagement und für diesen umfassenden und informativen Vortrag!
